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Entschleunigung im „Prokuristen-Mercedes”
Als stolzer Besitzer eines Audi 100 S, Baujahr 1969, kennt Jochen Marx, Personalreferent bei der DEUTZ AG, die besondere Historie dieses Fahrzeugs aus dem Effeff.
„Audi NSU hatte das Modell heimlich entwickelt und damit den Mutterkonzern VW, der sich mit dem Erwerb der früheren Auto Union nur zusätzliche Montagekapazitäten für seinen Käfer sichern wollte, total überrascht.“ Geplant war zunächst, eine einmalige Auflage von 100.000 Fahrzeugen zu fertigen. Doch die Nachfrage erwies sich als so groß, dass bis 1976 vom ersten Modell mit dem Beinamen „Prokuristen-Mercedes“ weit mehr als 800.000 Einheiten produziert wurden. Eine Entwicklung, die letztlich den Erhalt von Audi als eigenständige Marke sicherte.
Genau wie die Modellhistorie des Audi 100 S hat sich bei dem gebürtigen Pfälzer auch die Geschichte seines automobilen Oldtimers ins Gedächtnis eingebrannt: „Ich habe das Fahrzeug 1999 als Student auf eine Zeitungsanzeige hin von den Erstbesitzern gekauft. Dabei handelte es sich um ein älteres Ehepaar, das ein Malergeschäft besaß und den Wagen von 1969 bis 1986 gefahren hatte. Weil sich der Erstbesitzer auch nach dem Erwerb eines neuen Automobils nicht von seinem Audi 100 trennen wollte, stand dieser bis zur krankheitsbedingten Aufgabe des Geschäfts 13 Jahre lang in einer Halle.“
Ein Glücksfall für den Käufer, wie sich bald zeigen sollte: „Das Fahrzeug wies zwar ein paar Standschäden auf, war aber ansonsten im Originalzustand recht gut erhalten. Zur Ausstattung gehörten u. a. der noch vorhandene Einfahraufkleber auf der Windschutzscheibe sowie ein aus der Originalhalterung herausnehmbares Transistorradio, das über die Autobatterie mit Strom versorgt wird.“ Der Motor selbst hatte rd. 96.000 Kilometer gelaufen. Und nachdem der Audi vor der Halle von einem kräftigen Regenguss „naturgewaschen“ worden war, wurde auch die unter einer dicken Staubschicht verborgene Originalfarbe sichtbar: Smaragdgrün. Viel verändert hat der diplomierte Betriebswirt seit dem Ankauf nicht: „Ich habe die Standschäden beseitigen, den Kühler aufarbeiten und einen neuen Auspuff anbringen lassen.“ Dazu kamen vor kurzem zwei neue Stoßstangen, die von VW Classic Parts neu aufgelegt worden waren. Ansonsten blieb der Wagen unrestauriert. „Er ist zwar im Lack top gepflegt, hat aber seine Patina.“
Unterwegs mit seinem automobilen Schätzchen ist der für die Bereiche Produktion und mechanische Fertigung zuständige Personalreferent nur bei gutem Wetter und wenn dafür Zeit und Muße vorhanden sind: „Das Schöne an historischen Fahrzeugen ist, dass sie total entschleunigen. Man steuert viel gelassener und genießt die Fahrt ganz bewusst.“ Zumal auch die Reaktionen der übrigen Verkehrsteilnehmer durch die Bank positiv sind: „Leute, die vorbeifahren, hupen und halten anerkennend den Daumen hoch. Außerdem wird fast immer der Weg freigegeben, wenn man die Spur wechseln will.“ Und so hat Jochen Marx in den zwölf Jahren seit dem Kauf seines Audi 100 S nur annähernd 10.000 Kilometer mit dem Oldtimer zurückgelegt – die aber dafür ganz entspannt im Hier und Jetzt. Im Übrigen stehen bei dem Automobil-Fan noch drei weitere Fahrzeuge in der Garage. Darunter ein Audi A4 für den Alltagsgebrauch sowie eine Mercedes S-Klasse aus dem Jahr 1986.
Technische Daten
Baujahr: 1969
Motor: wassergekühlter Vierzylinder-Ottomotor, 1,8 l Hubraum, 90 PS
Getriebe: vollsynchronisiertes Viergang-Schaltgetriebe
Höchstgeschwindigkeit: 162 km/h
Karosserieversion: Stufenheck, viertürig
Sonderausstattungen: keine, Originalzustand
