Erfahrungsberichte | Mobility World
Von der „Sänfte” bis zum Sportsitz
Stuttgarter M Plan-Team bietet umfassenden Support bei der Sitzentwicklung
Autositze müssen nicht nur hohen funktionalen Ansprüchen genügen, sondern auch in puncto Ergonomie und Komfort Maßstäbe setzen. Sie sind damit Produkte, die in ihrer Komplexität anderen Interieurs in nichts nachstehen. Das weiß keiner besser als Reiner Stolz, Leiter des Technischen Büros (TB) der M Plan-Niederlassung Stuttgart. Schließlich unterstützen der gebürtige Sindelfinger und sein Team führende OEMs und Systemlieferanten bei der Sitzentwicklung – oftmals vom Konzept bis zur Serieneinführung.
„Dabei geht es in erster Linie um die Übernahme von Bauteilverantwortung“, kommentiert Reiner Stolz das Aufgabenspektrum: „Unsere Tätigkeit beinhaltet das Konzept sowie die Entwicklung und Konstruktion bestimmter Bauteilumfänge, inklusive der Betreuung und Serienqualifizierung der Komponenten in Abstimmung mit den Lieferanten.“ Ebenso dazu gehören auch Aufgaben wie die Vorbe-reitung und Koordination des Aufbaus von Mustersitzen für die Prüf- und Testverfahren sowie die Aufbereitung der Ergebnisse aus den Fahrerprobungen. Nicht zu vergessen: die Einsteuerung und Betreuung von Sitzen für Crashtests und Airbagschussversuche. „Die dabei gewonnenen Erkenntnisse werden von uns analysiert und in Form von Änderungs- und Optimierungsmaßnahmen umgesetzt.“
Was das konkret heißt, verdeutlicht der 54-Jährige an einem Projekt aus der jüngsten Vergangenheit. „Es ging um die Umwandlung eines vorhandenen Serienkomfortsitzes in eine sportliche Variante. Da ich an der Entwicklung des Seriensitzes beteiligt ge-wesen war und dessen Aufbau bestens kannte, wurde ich zur Abdeckung des technischen Parts und zur Unterstützung der Projektleitung ins Team geholt.“ Aufgabenschwerpunkt war die Umarbeitung der Lehne zur Erreichung eines sportlichen Sitzgefühls. Zu diesem Zweck mussten u. a. Schaumteile neu aufgebaut, Bezüge geändert sowie die Lordose- und die Seitenwangenverstellungen angepasst werden. Auch der Kunststoffträger für die Auflage des Schaumteils wurde entsprechend modifiziert. „Und natürlich galt es, wegen all dieser Veränderungen erneut die bereits erwähnten Test- und Prüfverfahren durchzuführen.“
Sitzentwicklung von A bis Z
Nachdem Reiner Stolz und sein Team bereits bei mehreren Kleinserien-Projekten die Sitzentwicklung „von A bis Z“, d. h. von der Designabstimmung über die Entwicklung bis zur Serieneinführung, betreut haben, ist auch die Großserie längst ein Thema. „Vom Know-how her sind wir dafür bestens gerüstet“, betont der Sitzexperte, der Erfahrung in der Zusammenarbeit mit europäischen Zulieferern und Fertigungsstandorten vorweisen kann.
Diese war z. B. gefordert, als die Entwicklung einer Sportsitzanlage für ein SUV auf dem Programm stand. Reiner Stolz war hier als Projektleiter mit einem mehrköpfigen Team im Einsatz: „Wir haben unter Einbindung eines osteuropäischen Bezügeherstellers die komplette Bezugsentwicklung bei ihm vor Ort durchgeführt und diese mit den Verant-wortlichen des OEM abgestimmt.“ Danach ging es an die eigentliche Umsetzung zur Serie, denn auch die Produktion der SUV-Sitzanlage erfolgte an dem osteuropäischen Standort. Dementsprechend wurden alle Aufgaben und Ressourcen dorthin verlegt: die Herstellung der Bezüge und die hierfür benötigten Werkzeuge, die erforderlichen Änderungen an der Sitzstruktur, das Umarbeiten der Blenden, aber auch die Werkzeugerstellung für die Schaumauflagen und deren Fertigung selbst. Reiner Stolz: „Wir haben alle Stufen dieses Entwicklungsprozesses begleitet und selbst die dazugehörigen Bemusterungsrunden umgesetzt. Während der rd. einjährigen Projektlaufzeit war ich allein fünf Monate in Osteuropa.“ Am Ende der umfangreichen Wertschöpfung standen die finale Abnahme der Sitzanlagen am Fertigungsort der Fahrzeuge (die in einem anderen osteuropäischen Land produziert werden) sowie der Serienanlauf.
Wehe, wenn es drückt …
Die besondere Herausforderung bei der Sitzentwicklung sieht der gelernte Maschinenbaumechaniker darin, unterschiedliche Materialien wie Kunststoffe, Stahl und textile Bezüge im Sinne eines hohen Sitzkomforts optimal zu „vermählen“. Der dafür betriebene Aufwand ist hoch und erfordert bei allen Beteiligten ein erhebliches Maß an Erfahrung. Auch und gerade, was die Umsetzung von Optimierungsmaßnahmen anbelangt. Als Beispiel nennt der TB-Leiter die Erkenntnisse aus Testfahrten: „Heißt es danach: Hier und dort drückt es, muss der ganze Prozess neu aufgerollt werden. Aufgabe unserer Mitarbeiter ist es dann beispielsweise, das Ganze zu analysieren und zu koordinieren: eventuell Druckverteilungsmessungen durchzuführen oder er-neute Tests und Prüfungen zu veranlassen, die Überprüfung von Schäumen und Bezügen in die Wege zu leiten, neue Aufbauten zu organisieren etc. Know-how und Erfahrungen aus Projekten gleichgelagerter Art sind hier enorm hilfreich und tragen dazu bei, diesen Prozess deutlich effizienter zu gestalten.“
Langjährige Sitz-Erfahrung
Einige der Mitarbeiter des Technischen Büros, wie der Diplomingenieur Lothar Pohl oder die Konstrukteurin Traute Hahn, sind bereits seit mehr als zehn bzw. mehr als 25 Jahren im Bereich der Sitzentwicklung aktiv und bringen, wie Reiner Stolz, ein hohes Maß an beruflicher Erfahrung mit. Der TB-Leiter selbst hat u. a. 16 Jahre bei Hewlett-Packard gearbeitet, wo er für den Werkzeug- und Sondermaschinenbau zuständig war. Danach ging er als Projektleiter in die Produktentwicklung, um sich später auf das Thema Sitzentwicklung zu spezialisieren. Auf der Liste seiner beruflichen Stationen stehen u. a. Tätigkeiten bei namhaften Zulieferern. Zum Stuttgarter TB-Team gehören außerdem eine Reihe weiterer Ingenieure, Techniker und Technischer Zeichner, die über ausgewiesene fachliche Expertise verfügen. Als Ziel für die Zukunft nennt Reiner Stolz den kontinuierlichen Ausbau der vorhandenen Kompetenzen, denn: „Neben dem Support von System-lieferanten und OEMs vor Ort möchten wir unsere Kunden verstärkt durch die Inhouse-Bearbeitung kompletter Großserienprojekte unterstützen.“ Aktuell ist u. a. ein umfassendes Entwicklungsprojekt in der Diskussion, das sich über mehrere Jahre erstrecken würde. „Hier könnte zwar eine bestehende Sitzstruktur übernommen werden, aber Aufgabe wäre es, die Bezugsschäume und das ganze Sitzverstellungssystem zu entwickeln.“ Dabei geht es um die Ausstattung mehrerer Kfz-Baureihen: „Das Variantenspektrum ist beachtlich und reicht von der Limousine über verschiedene Sondermodelle bis zum Kombi.“
